Evaluationen

Im Infobrief 2025 fasst Projektreferentin Corinna Wallrapp die Ergebnisse der Evaluierung es Projekts "Kinderarbeitefrei Kommunen" zusammen, das wir viele Jahre lang mit unserem Partner SKC durchgeführt und unterstützt haben:

„Fast alle Familien legen jetzt Wert darauf, dass ihre Kinder erfolgreich zur Schule gehen.“
Ergebnisse der Evaluierung des Projekts „Kinderarbeiterfreie Kommunen“ mit SKC

(Corinna Wallrapp, Infobrief 2025)

„Das Projekt zur Bildungsförderung mit dem Partner Seva Kendra Calcutta (SKC) hat in den letzten acht Jahren viel erreicht: Das örtliche Projektteam konnte in dieser Zeit mindestens 2.200 Kinder mit hohem Unterstüt­zungsbedarf, d.h. SchulabbrecherInnen, Kinderarbei­ter­Innen und Kinder mit Lernschwächen, in den drei Projektkommunen identifizieren, zum regelmäßigen Schulbesuch motivieren und sie dabei unterstützen.“ So das Fazit von Rusha Mitra, unserer freiberuflichen Mitarbei­te­rin in Kolkata, die zusammen mit Shanto Baksi, einem freien Gutachter, das Projekt Child Labour Free Gram Panchayats (CLFGP) unseres Projektpartners SKC im September 2024 ausgewertet hat. Seit 2016 arbeitete das Projektteam in den Gram Panchayats1 Saguna, Tepul Mirzapur (bis 2022) und Govindapur (ab 2018) im Distrikt North 24 Parganas, nordöst­lich von Kolkata, nahe der Grenze zu Bangladesch.2

„Ich bin stolz darauf, dass meine Rabiya ihre Abschluss­prüfung geschafft hat und jetzt auf’s College geht!“, sagt die Mutter des Mädchens aus einem entlegenen Dorf im Govinda­pur GP. Vor sechs Jahren war eine Projektmitarbeiterin auf die damals elfjährige Rabiya aufmerksam geworden, die ihrer Mutter beim Fischverkauf half und offensichtlich nicht zur Schule ging. Nach mehreren Gesprächen mit den Eltern wurde Rabiya eingeschult und besuchte gleichzeitig den Nachhilfe-Unterricht von SKC. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und einigen „Motivationslöchern“ konnte sie den Lernrückstand aufholen und 2024 die zwölfte Klasse abschließen. Nie hätte sie gedacht, dass sie das schaffen und dann aufs College gehen könnte, doch das SKC-Team glaubte an das Mädchen, das nun die erste in der Familie ist, die einen Bildungsab­schluss erreicht hat und von einem Beruf als Polizistin träumt!

Kinder laufen zur Schule
“Schulbus”-Training in Gobra”  © IH

Vor neun Jahren hatten wir mit SKC das Projekt „Kinder­ar­beiterfreie Kommunen“ begonnen, um Kinder aus einkom­mensschwachen und bildungsfernen Familien beim Besuch der staatlichen Schulen zu unterstützen und sie bis zum Schul­abschluss zu begleiten. Gleichzeitig sollte in den Familien und den Gemeinden das Bewusstsein zu Kinderrechten gestärkt werden, mit dem Fokus auf Abschaffung von Kinderarbeit und von Kinderehen. Der Schulbesuch eines jeden Kindes sollte eine Selbstverständlichkeit werden. Dafür hat das Team von SKC in Saguna und Govindapur jedes Jahr mindestens 750 Kinder in 30 Nachhilfe- und Motivationszentren betreut, viele Jugend- und Gemeindegruppen aufgebaut und beraten und einen engen Kontakt zu den Familien und Kindern, zu Schu­len, Mutter-Kind-Zentren und Regierungsbehörden gepflegt.

Insgesamt stand das SKC-Team im Projektzeitraum mit mehr als 16.000 Familien und mehr als 23.500 Kindern in Kontakt, hat sie aufgeklärt, unterstützt und zu staatlichen Förderungen und sozialen Leistungen beraten. Mehr als 8.900 Kinder und deren Familien profitieren jetzt von staatlichen Förder­programmen, die ihnen zustehen, aber von denen sie zuvor entweder nichts wussten oder Schwierigkeiten bei der Bean­tragung hatten. Mehr als 2.200 Kinder nahmen regelmäßig am spielerischen Nachhilfeunterricht teil. 655 von ihnen im Alter von 7 bis 14 Jahren waren zuvor noch nie in der Schule gewe­sen und hatten stattdessen als Kinderarbeiter in der Land­wirt­schaft, in Ziegeleien oder im Haushalt gearbeitet. Im Lauf der Jahre konnten inzwischen 125 unterstützte Kinder ihren Abschluss der zehnten Klasse machen und besuchen nun zum Teil weiterführende Schulen.

Doch bis es zu einer Schulanmeldung kommt, ist viel Vorar­beit nötig: fehlende Dokumente, wie Geburtsurkunden, müssen bei den indischen Behörden beantragt werden – für Familien, die nicht lesen und schreiben können, nahezu unmöglich ohne die Unterstützung der Projektmitarbeiter­Innen. Gleichzeitig müssen Eltern und Kinder davon über­zeugt werden, dass Bildung und ein Schulabschluss ihnen langfristig helfen, der Armut zu entrinnen, auch wenn die Arbeitsleistung und das eventuell vorhandene kleine Einkom­men der Kinder kurzfristig fehlt. Nach der Einschulung bleibt es eine Herausforderung, die Kinder bis zum Schulabschluss zu begleiten – groß ist die Gefahr, dass die Kinder bei finan­ziellen Problemen in der Familie oder Lernrückständen wieder zur Arbeit geschickt werden. Nach harten Jahren sind die Eltern jedoch stolz darauf, welche schulischen Erfolge ihre Kinder erreichen – so wie Rabiyas Mutter.

Trotz aller Bemühungen konnte die Kinderarbeit in den Dörfern nicht vollständig abgeschafft werden. Eine große Herausforderung sind die Wanderarbeiter- und Tagelöhner­familien, die während ihrer arbeitsbedingten Migration ihre Kinder mitnehmen. Auf diese regelmäßige jahreszeitlich-bedingte Migration von Kindern ist das indische Schulsystem nicht eingestellt, obwohl es Millionen von Wanderarbeiter-Familien in Indien gibt. So brechen viele Wanderarbeiter-Kinder die Schule ab, weil sie die durch ihr langes Fehlen entstandenen Lernrückstände ohne Hilfe nicht aufholen können. Für einige Familien konnte das SKC-Team Lösungen finden: im Idealfall konnte für die Eltern eine dauerhafte Arbeitsstelle vor Ort gefunden werden, oder die Kinder wurden während der Abwesenheit der Eltern bei Verwandten im Dorf untergebracht. Rusha Mitra erzählt von ihrem letzten Projektbesuch: „Trotz aller Schwierigkeiten spürt man das gewachsene Bewusstsein in den Familien und den Gemeinden dafür, wie wichtig Bildung für ihre Kinder ist. Doch es braucht einen langen Atem, der soziale Wandel braucht einfach seine Zeit."

Gern hätten wir das Projekt mit SKC in weiteren Dörfern fort­gesetzt. Doch auf Grund unserer finanziellen Engpässe waren wir gezwungen, 2025-26 eines unserer Projekte aufzugeben. Nach langen Überlegungen haben wir uns schweren Herzens entschieden, uns aus dem Projekt mit SKC zurückzuziehen. Zu dieser Entscheidung hat uns bewogen, dass SKC bereits eine anderweitige Teilfinanzierung für die Aktivitäten im Saguna GP sicherstellen konnte. Für Govindapur GP haben wir eine Übergangslösung gefunden, bei der die Gemeinden und lokalen Gruppen so gestärkt wurden, dass sie die Aufklä­rungsarbeit eigenständig fortsetzen können. Wir hoffen sehr, dass wir das Projekt im nächsten Jahr wieder aufnehmen und weiterentwickeln können – dafür sind wir dringend auf Ihre Spenden angewiesen!

FN 1: Gram Panchayat (GP): Kommunen, die aus mehreren Dörfern und Weilern bestehen
FN 2: Dichtest bevölkerter Distrikt ganz Indiens, von Außenbezirken und Satellitenstädten Kolkatas bis in die Mangrovenwälder des Gangesdeltas. Große Bandbreite von modernen High Tech Gebieten bis hin zu fragilen Lebensräumen, wo die Bevölkerung den Auswirkungen des Klimawandels (jährlich sich ausweitende Überflutungen, Zyklone) ebenso ausgesetzt ist wie der Ausbeutung im informellen Sektor. s.a. https://en.wikipedia.org/wiki/North_24_Parganas_district

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Im Herbst 2023 haben wir das Adivasi-Projekt unseres Partners KJKS im Jhargram-Distrikt/Westbengalen durch eine externe Gutachterin evaluieren lassen. Die Ergebnisse sowie zwei Fallgeschichten finden Sie im Bericht von Projektreferentin Corinna Wallrapp im Infobrief 1/2024:

„Im Bildungsbereich erzielte KJKS enorme Erfolge in den Projektdörfern
im Vergleich zu nicht-unterstützten Dörfern in der Region“
Evaluierungsergebnisse unseres Adivasi-Projekts

(Corinna Wallrapp, Infobrief 1/2024)

„KJKS hat einen sehr guten Ruf in der Region und konnte im Bildungsbereich enorme Erfolge erzielen“, berichtet Dr. Ujjaini Halim, eine Gutachterin mit nationaler und internationaler Projekt- und Evaluierungserfahrung, die für uns die Evaluierung unseres Projektes mit dem Partner KJKS im September 2023 durchführte. Ujjaini war überrascht, wie extrem entlegen die Projektregion im Jhargram Distrikt ist, wie schwierig die soziale und ökonomische Situation für die dortige – überwiegend indigene – benachteiligte Bevölkerung ist und somit natürlich auch, wie schwierig es dadurch für KJKS ist, ein qualitativ hochwertiges Projekt mit guten Ergebnissen durchzuführen.

Radelspaß mit der großen Schwester
Radelspaß mit der großen Schwester © IH

Seit 2016 arbeiten wir mit KJKS in der Projektregion, um den Zugang zu Bildung für Kinder und Jugendliche und die Ernährungssituation in den Projektdörfern zu verbessern und die Einhaltung von Kinderrechten zu fördern. In den letzten acht Jahren wurden insgesamt über 1.100 Haushalte und 2.220 Kinder aus mindestens 36 Dörfern durch die Projektmaßnahmen erreicht, über 330 Familien wurden beim Aufbau von Küchengärten unterstützt. Einige Dörfer wurden nur für eine 3-Jahres-Phase unterstützt, andere über viele Jahre, je nachdem, wie hoch der Bedarf war und wie schnell die Veränderungen von den Dorfbewohnern aufgenommen wurden. Im Rahmen der Evaluierung untersuchte Ujjaini mit ihrem Mitarbeiter Suman Mondal sechs der insgesamt 19 unterstützten Dörfer, in denen KJKS von 2021 bis März 2024 aktiv war, sowie zwei „Kontrolldörfer“ aus der Umgebung, die bisher keine Unterstützung durch das Projekt erfahren haben. Sie sprachen in Einzel- oder Gruppeninterviews mit den DorfbewohnerInnen, den Kindern, Jugendlichen und Eltern, sowie Projektmitarbeitenden, RegierungsvertreterInnen und Lehrkräften, verglichen die Ergebnisse und werteten ihre eigenen Beobachtungen aus.

Insbesondere die Projektaktivitäten im Bildungsbereich wurden von allen Beteiligten in der Projektregion sehr gut bewertet. Die Kinder gehen gerne in die Nachhilfezentren, die in jedem der 19 Projektdörfer aufgebaut wurden (im Jahr 2023 nahmen regelmäßig über 650 Kinder teil), und haben Spaß am Lernen, Basteln und kreativen Arbeiten; Eltern in den Projektdörfern entwickelten ein besseres Verständnis für die Bedeutung von Bildung und einem regelmäßigen Schulbesuch; die Projektmitarbeitenden entwickelten im Lauf der Zeit eine gute Zusammenarbeit mit den umliegenden Schulen und Behörden, um auf die Herausforderungen insbesondere der Adivasi-Bevölkerung aufmerksam zu machen und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. In den Bereichen Ernährung, Gesundheit, Hygiene und Förderung von Kinderrechten betrieb KJKS vor allem Aufklärung und Sensibilisierung. Hier waren die Erfolge des Projekts weniger sichtbar im Vergleich zu der Situation in den Kontrolldörfern. Jedoch konnten KJKS-Mitarbeitende auf einige Fälle von Missachtung von Kinderrechten aufmerksam machen und zu einer Lösung beitragen. Ebenfalls entstanden mit der Unterstützung von KJKS in einigen Dörfern aktive Jugendgruppen „Units for Us“, die diese Themen aufgreifen, in ihren Gruppen diskutieren und zum Teil sehr selbstbewusst umsetzen. Dies hat vor allem für die Zukunft Potential.

Sehr positiv bewertete Ujjaini, dass vor Ort nur Mitarbeitende aus der Region tätig sind, die mit den lokalen Gegebenheiten bestens vertraut sind. Sie beobachtete jedoch, dass die Fähigkeiten der Mitarbeitenden sehr unterschiedlich sind. Im Rahmen regelmäßiger Weiterbildungen für alle Mitarbeitenden sowie durch sehr enge Zusammenarbeit untereinander und mit dem Management-Team versucht KJKS, allen die nötige Unterstützung anzubieten und die unterschiedlichen Fähigkeiten auszugleichen. Auch in Zukunft werden Mitarbeiterschulungen fester Bestandteil des Projekts sein.

Die Ergebnisse und Empfehlungen der Evaluierung diskutierten wir mit KJKS, zusammen mit unserem ExpertInnen-Team in Kolkata, um die Projektaktivitäten für die neue Projektphase (April 2024 bis März 2027) entsprechend anzupassen. Zugleich hat es sich ergeben, dass die deutsche NGO German Doctors e.V. im Oktober 2023 ein Projekt im Bereich Gesundheit und Hygiene in der gleichen Projektregion mit KJKS begonnen hat und Misereor in der Region ein Projekt zur Verbesserung der Ernährungssituation durchführt. Um eine sinnvolle Ergänzung der Maßnahmen zu gewährleisten und Doppelfinanzierungen zu vermeiden, stehen wir in engem Austausch mit den Organisationen. Somit liegt der Hauptfokus unseres Projekts seit April 2024 auf Bildung und Förderung von Kinderrechten.

Wir führen die Nachhilfezentren für Kinder von 4 bis 14 Jahren weiter und arbeiten mit der Dorfgemeinschaft, den Jugendgruppen, den umliegenden Schulen und den staatlichen Behörden noch intensiver an den Themen „Relevanz von Bildung“ und „Einhaltung von Kinderrechten“. Besonders erfreulich ist, dass in 8 der 19 von uns in 2023 unterstützten Dörfer die Veränderungsprozesse innerhalb der Dorfgemeinschaft so weit gediehen sind, dass keine intensiven Projektmaßnahmen mehr nötig sind, lediglich kleinere Begleitmaßnahmen. Somit konzentrieren wir unsere Aktivitäten auf 11 der bisher unterstützten Dörfer und beginnen neue Maßnahmen im Dorf Chunpara, in dem großer Bedarf besteht.

Wie viele andere Studien aus ländlichen Gebieten in Indien kommt auch unsere Evaluierung zu dem Ergebnis, dass formale Bildung, ergänzt durch außerschulische Allgemein- und Persönlichkeitsbildung, Schlüssel für eine langfristige Veränderung gerade in entlegenen und rückständigen Gebieten ist. Die junge Generation bekommt dadurch bessere Chancen für gesellschaftliche Teilhabe im sich schnell entwickelnden Indien, ohne dabei Identität und wertvolles indigenes Wissen zu verlieren – ein großes Ziel, das wir weiterhin mit unserem Partner KJKS in möglichst vielen Dörfern verfolgen wollen.

Ihre Spende hilft, dass benachteiligte Adivasi-Kinder aus dem abgelegenen Jhargram-Distrikt Westbengalens einen Weg aus bitterer Armut, ja Hunger, aus Abhängigkeit hin zu einer selbstbestimmteren freieren Lebensperspektive unter Wahrung ihrer Identität finden können.

Projektkosten: „Kindzentrierte Entwicklung (Adivasi-Dörfer)“ 2024/25: etwa 46.000 € (ca. 90 €/Kind)
Stichwort: Adivasi

Evaluierung KJKS, Fallgeschichte 1: Behula Kotal, Mutter von vier Kindern aus Singdhui, Jhargram Distrikt: „Meine Töchter können von der weiten Welt träumen, dank der Unterstützung von KJKS.“

Lodha-Familie bearbeitet Sal-Blätter für den Verkauf
Lodha-Familie bearbeitet Sal-Blätter für den Verkauf © IH

Behulas Tag beginnt früh. Sie kümmert sich um ihre Schwiegereltern, kocht Essen für die sechsköpfige Familie, holt Wasser und Feuerholz und sammelt Heilkräuter und andere Pflanzen im Wald, die sie zu geringen Preisen verkaufen kann. Ihr Mann arbeitet als Tagelöhner. Ein eigenes Feld besitzen sie nicht. Sie haben wenig Geld zur Verfügung. Ihre vier Kinder gingen alle in die nahe gelegene Grundschule, doch sie hatten einige Schwierigkeiten. Um ihre älteste Tochter „gut“ unterzubringen, verheiratete Behula sie jung im Alter von 16 Jahren. Ihr Sohn besuchte eine weiterführende Schule, verlor jedoch während der fast zweijährigen Schulschließung in der Corona-Pandemie den Anschluss und brach die Schule mit 15 Jahren ab. Die Familie konnte sich kein Smartphone für den Online-Unterricht leisten. Sie bekamen in der Zeit zwar Unterstützung von der Regierung, doch das Geld reichte gerade dafür, die Familie zu ernähren. Die Corona-Zeit bedeutete einen harten Rückschlag. Der Sohn arbeitet nun wie der Vater als Tagelöhner. Ihre zwei jüngsten Töchter Mayna und Rinki hatten bereits in der Grundschule sehr große Schwierigkeiten, vor allem in den Fächern Englisch und Mathematik. Behula und ihr Mann können den Kindern bei den Schulaufgaben nicht helfen, weil sie selbst nicht lesen und schreiben und kein Englisch können. Geld für private Nachhilfestunden haben sie nicht. Als Behula 2018 von dem neuen Nachhilfezentrum von KJKS in ihrem Dorf hörte, war sie zunächst skeptisch, aber meldete Mayna und Rinki dennoch an. Dies veränderte das Leben ihrer Töchter von Grund auf: Sie konnten beide den Lernrückstand aufholen und bekamen dank ihrer guten Noten in der Grundschule einen Platz in einem staatlichen Wohnheim für Schülerinnen der High School. Sie können nun beide auf die weiterführende Schule gehen, die viele Kilometer entfernt von ihrem Dorf liegt. Rinki möchte später Lehrerin werden, Mayna möchte bei der Regierung arbeiten. Ihre Mutter ist sehr stolz auf die beiden Töchter. „Jetzt dürfen sie träumen“, sagt sie. Mit einer guten formalen Bildung als Basis haben sie echte Chancen, dass ihre Träume Wirklichkeit werden.

Evaluierung KJKS, Fallgeschichte 2: Sonali (16 Jahre) aus Rajbandhpara, Jhargram-Distrikt: „Dank dem Zusammenhalt und Austausch in meiner Jugendgruppe konnte ich mich gegen eine arrangierte Heirat durch meine Mutter wehren!“

High-School-Schülerinnen
High-School-Schülerinnen    © IH

Eltern in der Projektregion von KJKS sehen es oft als ihre Pflicht an, sich frühzeitig um eine „gute“ Heirat für ihre Töchter zu kümmern - obwohl gesetzlich Mädchen erst ab 18, Jungen ab 21 heiraten dürfen. So sollte es auch für die sechzehnjährige Sonali aus Rajbandhpara arrangiert werden: Ihr Vater ist früh verstorben und ihre Mutter fühlt sich verantwortlich, ihrer Tochter eine „gute“ Zukunft zu organisieren, die für sie in einer frühen Heirat und Gründung einer eigenen Familie besteht. Sonali denkt jedoch anders. Seit einiger Zeit trifft sie sich mit Freundinnen in einer Jugendgruppe, die die KJKS-Mitarbeiterin Jhuma Manna begleitet. Dort sprechen sie über Rechte, Hygiene, Gesundheit, Ernährung und viele andere soziale und kulturelle Themen, die für die jungen Mädchen wichtig sind, so auch über Kinder- und arrangierte Ehen. Und sie träumen manchmal davon, was sie aus ihrem Leben machen und was sie in ihrem Dorf verändern möchten.

Eines Tages wundern sich ihre Freundinnen und KJKS-Mitarbeiterin Jhuma, dass Sonali nicht mehr zu den gemeinsamen Treffen der Gruppe kommt. Als sie nachfragen, schreibt Sonali ihnen einen Brief, in dem sie erklärt, dass ihre Mutter sie verheiraten möchte, sie aber nicht will. Die Freundinnen und Jhuma beschließen, ihr zu helfen. Zunächst sprechen sie mit der Mutter, doch als diese nicht einlenkt, wenden sie sich an die Mitglieder des Gemeinderats (Gram Panchayat Members). Diese zögern zuerst, da sie sich in kulturelle Gepflogenheiten der Adivasi nicht einmischen wollen, obwohl es ihre Pflicht wäre, Kinderehen vor dem 18. Geburtstag von Mädchen, meist gegen ihren Willen und eine Straftat, zu verhindern. Erst nach langem Drängen und als Jhuma schließlich droht, die Polizei zu benachrichtigen, sind die Gemeinderäte bereit, mit Sonalis Mutter und der Familie zu sprechen. Am Ende willigt die Mutter ein, die Heirat abzusagen.

Sonalis Fall dient nicht nur für das Dorf, sondern für den gesamten Gram Panchayat (Kommune, meist bestehend aus einer größeren Zahl kleiner Dörfer und winziger Weiler) als Beispiel, dass es die Pflicht der DorfbewohnerInnen und GemeindevertreterInnen ist, gegen Kinderehen vorzugehen, auch wenn diese in der Region kulturell stark verankert sind. Durch den Mut von Sonali und die Unterstützung ihrer Freundinnen aus der Jugendgruppe, der KJKS-Mitarbeiterin Jhuma Manna und am Ende der GemeindevertreterInnen kann Sonali nun weiterhin zur Schule gehen und vielleicht irgendwann selbst entscheiden, wann und wen sie heiraten möchte.

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Der Artikel vom Herbstinfo 2015 zur Evaluierung unseres Projektes: Child Centered Development in West Midnapur von unserem Projektpartner Seva Kendra Kalkutta

Wirkungsstudie zu 30 Jahren sozialer Arbeit mit Adivasi im West Midnapur Distrikt
(Marion Schmid/Elisabeth Kreuz)

Dreißig Jahre lang - fast genauso lang, wie es die Indienhilfe e.V. Herrsching (IH) gibt – engagieren wir uns in Adivasi-Dörfern des Distrikts West Midnapur. Die Angehörigen der indischen indigenen Völker, hier meist Santhals und die besonders diskriminierten Lodhas (Sabars), gehören zu den gesellschaftlich benachteiligsten Gruppen. Mit unserem Projektpartner Seva Kendra Calcutta (SKC), der Entwicklungsorganisation der Erzdiözese Kolkata, wurden nach und nach die Kontakte zu ca. hundert Dörfern in entlegenen Waldgebieten aufgebaut. In diesem Jahr haben wir IBRAD (Indian Institute of Bio-Social Research & Development) mit der Evaluierung der letzten sechs Projekt-Jahre beauftragt. Wir wollten wissen, inwieweit die angestrebten Ergebnisse tatsächlich erreicht worden sind, aber auch, welche Schwachstellen es im Projektansatz gab. Wir hielten die Zeit für gekommen, die Ergebnisse unserer Anstrengungen zu überprüfen und dann die Arbeit unserer beiden Partner in West Midnapur unter einem neuen Träger und mit einem überarbeiteten Konzept zu vereinen. Denn mit SKC gab es Differenzen und EVS hatte sich nach dem Tod der Gründerin Sibani Mallick (wir berichteten) trotz aller Bemühungen unseres Teams in Kolkata nicht konsolidieren können. Aus einer Folge Selbsthilfe-orientierter Einzelmaßnahmen (Erwachsenenbildung, Barfußgesundheitsarbeiter, Kleinkredite, Infrastruktur-Verbesserung durch „food for work“, Gemeinschaftsgetreidebanken) entwickelten wir mit SKC ab 2002 einen integrierten Entwicklungs-Ansatz, ab 2010 einen kindzentrierten Ansatz. Ziel der ganzheitlichen kindzentrierten Dorfentwicklung („Child Centred Development“) war es, die Lebensbedingungen der Kinder von 0 bis 18 Jahren im Hinblick auf Gesundheit, Ernährung, Bildung, Rechte und Würde zu verbessern. Es war für uns ein spannender Moment, die Evaluierung vor uns zu haben, zeigt sie doch, wie und wo unsere Arbeit erfolgreich war.

Die wichtigsten Ergebnisse in aller Kürze: Ein Grundsatz gilt für alle Projekte der IH: die Programme des indischen Staates zur Armutsbekämpfung zugänglich zu machen. Oft scheitert die Umsetzung auf dörflicher Ebene an Personalmangel und fehlendem Wissen bei der Dorfbevölkerung. Kein Wunder also, dass der sog. Samonnay Kiosk besonders gut ankam: drei Stunden wöchentlich standen in den Dörfern Dorfhelfer zur Verfügung, um über staatliche Programme zu informieren und beim Ausfüllen von Formularen und beim Stellen von Anträgen zu helfen. Die Adivasi konnten so von ihnen zustehenden Hilfsleistungen profitieren, wie Toilettenbau, Hausbau, solarbetriebenen Trinkwasserpumpen, 100-Tage-Arbeit-Programm, und ihre Rechte durchsetzen, von deren Existenz sie häufig gar nichts wissen und die oft von Dingen wie einer Geburtsurkunde, einem Behindertenausweis, der Aufnahme in die Liste von Haushalten unter der Armutsgrenze etc. abhängen. Es gab auch Trainings im sicheren Auftreten bei Behörden, Banken, Schulen – angefangen von Umgangsformen bis hin zur Sprache („wie beginne ich das Gespräch und bringe mein Anliegen vor?“). Das geschaffene Netzwerk mit staatlichen Institutionen kann das Leben der Menschen dauerhaft verbessern. Auch die Frauen der Selbsthilfegruppen sind durch regelmäßige Fortbildungen gut informiert und haben ein Netzwerk an Kontakten zu wichtigen Institutionen, ja, sie selbst kontrollieren sogar, ob diese korrekt arbeiten. Der Erfolg der Projektarbeit beruht stark auf der Basisarbeit der Dorfhelfer und –helferinnen (village animators). Sie sind selbst Dorfbewohner, haben daher einen direkten Bezug zu den Problemen vor Ort und gehören zur Gemeinschaft. Sie sind praktisch in alle Projektaktivitäten eingebunden. Neben einer regelmäßigen pädagogischen und fachbezogenen Ausbildung als Nachhilfelehrer nahmen sie an zahlreichen Schulungen teil. Sie sind das Bindeglied zwischen unserem Projektpartner und den Dorfbewohnern und informieren, beraten und stärken diese.

Die Arbeit der Dorfhelfer ist vielfältig: Sie überzeugen die Kinder, die Schule zu besuchen, und ihre tägliche Hausaufgabenbetreuung wird mit Eifer genutzt. Wenn ein Kind längere Zeit nicht zur Schule kommt, gehen sie zu den Eltern und erklären ihnen, warum die Familie dem Kreislauf der Armut nur dann entfliehen kann, wenn sie ihre Kinder zur Schule schicken. Tatsächlich lässt sich feststellen, dass die Familien mehr als früher für den Schulbesuch ihrer Kinder und deren Ernährung ausgeben, höhere Ziele für Schulabschluss und Beruf anstreben, darauf achten, dass die Kinder ihre Hausaufgaben machen - Mütter, die oft selbst noch Analphabeten sind, setzen sich neben das Kind, damit es sich nicht ablenken lässt, und halten es entsprechend frei von Haushalts- und Kinderarbeit. Auch die Lehrer der staatlichen Schulen sind von dem ergänzenden Bildungsangebot der Animatoren begeistert und können einen signifikanten Rückgang von Schulabbrechern verzeichnen. Aber auch die regelmäßigen Elterntreffen an den Schulen werden sehr gut von den Eltern angenommen. Eine Mutter sagte, dass sie kein Elterntreffen mehr verpassen möchte, weil ihr dadurch erst bewusst wurde, wie wichtig es ist, die schulische Entwicklung ihres Kindes im Blick zu haben. Ein erfreulicher Erfolg ist es, dass gerade die Lodha-Mütter sehr gut über Kinderrechte Bescheid wissen und häufig an den Elterntreffen teilnehmen. Küchengärten, die an Schulen und von den Müttern privat angelegt wurden, verbessern nachhaltig den Ernährungszustand der Kinder. Sie helfen, die täglichen Mahlzeiten an den Schulen und in der Familie vitamin- und nährstoffreicher zu gestalten. Nebenbei machen sich auch die Ersparnisse bei den Lebensmittelausgaben in den Familien positiv bemerkbar. Im gesamten Projektgebiet existieren inzwischen sage und schreibe 1009 solcher Küchengärten! Besonders gut wachsen in West Midnapur Auberginen, Kürbisse, Okraschoten, Limetten und verschiedene Blattgemüse, wie etwa Spinat. Für eine schonende, energiesparende und hygienische Zubereitung werden spezielle „Nutrition Camps“ angeboten. Dazu kommen die Frauen aus einem Dorf zusammen, und es wird gemeinsam unter fachkundiger Anleitung gekocht. Die Situation der Frauen im Projektgebiet hat sich deutlich verbessert. 158 Frauen-Selbsthilfegruppen (SHGs) sind dort aktiv. Als eine Art informeller Kooperativen aus jeweils 5-20 Personen aus einer Nachbarschaft mit gleich niedrigem sozialen und wirtschaftlichen Status sind die SHGs das Rückgrat jeglicher Entwicklungsarbeit in den Dörfern. Sie sparen gemeinsam, treffen sich regelmäßig, haben eine demokratische Struktur mit rotierendem Vorstand, nehmen gemeinsame Kredite zu günstigen Konditionen von den halb-staatlichen Banken mit dem Zweck, ein Einkommen zu erzielen. Die Rückzahlungsquoten sind gut. Als Graswurzelorganisationen sind sie erster Ansprechpartner für Entwicklungsaktivitäten verschiedenster Akteure. Sie sind offiziell registriert und besitzen ein eigenes Bankkonto. Das Projektteam organisiert regelmäßige Fortbildungen.

Die wirtschaftlichen Aktivitäten sind vielfältig - es gibt SHGs, die Räucherstäbchen fertigen oder Waschmittel, aber auch solche, die Körbe aus Bambus flechten, Teller aus Sal-Blättern herstellen, andere wiederum betreiben Landwirtschaft, Kleintierhaltung, Fischerei oder Anzucht von Baumsetzlingen. Wieder andere bereiten im Auftrag der Regierung das Mittagessen an Schulen zu. Wichtig ist beim SHG-Konzept auch die soziale Verantwortung, die die Gruppen übernehmen und wofür sie geschult werden: Sie kandidieren für den Gemeinderat, ergreifen Hygienemaßnahmen, wenn die Brunnen durch Überschwemmung gefährdet sind, klären in speziellen Workshops die Dorfbewohner über Hygiene auf, kämpfen gegen übermäßigen Konsum von selbstgebrannten Schnäpsen, werben für die Beteiligung an Impfkampagnen und die Einführung von Toiletten, helfen Dorfbewohnern im Krankheitsfall zu einem Arzt zu kommen. Sie leisten im Notfall finanzielle Hilfe aus ihren gemeinsamen Ersparnissen. Und auch Workshops zu heiklen Themen wie häusliche Gewalt oder Kinderheirat besuchen die Frauen, um einen langfristigen Bewusstseinswandel bei den Dorfbewohnern herbei zu führen. Frauen wenden sich häufig an die SHGs um Rat, wenn sie in Not sind und nicht mehr weiter wissen. Die SHG-Frauen sind glücklich, dass sie jetzt etwas mehr Geld verdienen, über das sie selbst verfügen können und das sie überwiegend für Ernährung, Gesundheit und Bildung ihrer Kinder ausgeben. Das Team von IBRAD kommt zu dem Schluss, dass das Projekt ein befähigendes Umfeld für die Dorfbewohner geschaffen und sie mit für sie wichtigen Regierungsstellen vernetzt hat, so dass sie ihnen zustehende Hilfen erhalten können. Die so mobilisierten Ressourcen kommen nicht von außen, sondern aus Indien selbst und sind dadurch dauerhaft und nicht von Projekten ausländischer Geldgeber abhängig. Auch Schwächen wurden aufgezeigt. Die Erfassung von Daten und Ereignissen war unzureichend, was eine spätere Auswertung der Projektwirkung erschwert (z.B. Festhalten von zu frühen Heiraten, Schulabbruch, Todesfällen unter 5 Jahren, Fällen von Unterernährung). Manche Maßnahmen wurden zur Routine ohne große Wirkung: gute Programme wie Mikroplanung auf Dorfebene wurden nicht genügend verbreitet, es fehlte an ständiger eigener Weiterentwicklung und Vernetzung mit anderen Projekten. Bei den Küchengärten und bei den Schulabbrechern wie auch beim gesunden Kochen wurde nicht konsequent genug Nachsorge betrieben. Nicht alle Dorfhelfer waren selbst genügend gebildet, um Nachhilfeunterricht über die 5. Klasse hinaus zu leisten. Die Errungenschaften, die wir durch unser Konzept in die ausgewählten Dörfer und Gebiete gebracht haben, sind offensichtlich noch nicht ausreichend.

Aber wir sind stolz darauf, welch große positive Veränderungen es insgesamt gab – mit Ihrer Hilfe, Ihren Spenden, für die wir Ihnen an dieser Stelle von Herzen danken. Wir sind unserem Ziel, der Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern ein gutes Stück näher gekommen. Die Evaluierung macht deutlich, dass die existentielle Not der Menschen in vielen Dörfern West Midnapurs immer noch groß ist. Deshalb wollen wir mit einem neuen Partner, den wir gerade prüfen, ein neues Projekt mit weiterentwickeltem Ansatz in der gleichen Region starten, wobei die Dorfhelfer nach Möglichkeit übernommen werden sollen.
Wir freuen uns über Spenden unter dem Stichwort „Adivasi“!

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