Aktueller Spendenaufruf

Für das indische Finanzjahr vom 1.4.2025 bis 31.3.2026 benötigen wir für unsere 8 Projekte in Westbengalen eine Gesamtsumme von 211.300 Euro und sind dafür dringend auf Ihre Unterstützung angewiesen! Projekte im Überblick

Spendenkonten der Indienhilfe:

Für Armutsbekämpfung in Indien, auch Katastrophenhilfe: Indienhilfe - Projekte IBAN DE29 7025 0150 0430 3776 63
Für Bildungsarbeit in Deutschland: Indienhilfe - Bildung IBAN DE87 7025 0150 0430 3704 11
Für Dialog und Partnerschaft: Indienhilfe - Partnerschaft Spenden für unseren Arbeitsbereich Partnerschaft und Völkerverständigung bitte unter dem Stichwort "Völkerverständigung" auf das BIldungskonto tätigen (siehe oben)
Für alle ideellen Arbeitsbereiche: Indienhilfe - Verein IBAN DE53 7025 0150 0430 3826 63

bei der Kreissparkasse München-Starnberg-Ebersberg
Swift-BIC   BYLADEM1KMS  

Bitte achten Sie bei der Überweisung auf die vollständige und deutliche Angabe Ihrer Adresse.
Sie erhalten, sofern nicht anders gewünscht, automatisch im Februar/März des Folgejahres eine Sammelbestätigung über Ihre Spenden für das Finanzamt.
Auf Wunsch können Einzel-Zuwendungsbestätigungen natürlich gerne auch sofort ausgestellt werden. Da dies aber einen erheblichen Verwaltungs-Mehraufwand bedeutet, bitten wir darum, wenn nicht zwingend erforderlich, die Jahres-Sammelbestätigung abzuwarten. Bei dieser werden nach Abschluss der Jahresbuchhaltung alle Spenden, die während des Jahres geflossen sind, teils auch auf verschiedene Spendenkonten der Indienhilfe (Projekte, Verein, Bildung, Partnerschaft) zusammengeführt.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Unser aktuelles Info 2/2024 finden Sie HIER

"Danke"-Brief der Vorstandsvorsitzenden Elisabeth Kreuz an alle Spender (April 2025) als pdf-Datei
"Danke"-Brief der Vorstandsvorsitzenden Elisabeth Kreuz an alle Spender (April 2024) als pdf-Datei
"Danke"-Brief der Vorstandsvorsitzenden Elisabeth Kreuz an alle Spender (Mai 2023) als pdf-Datei

Für 2025-26 (das indische Finanzjahr läuft vom 1.4. bis 31.3.) hat die Indienhilfe 8 Projekte bei 6 Partnerorganisationen bewilligt:

Wenn Sie auf den Projekt-Namen klicken, erhalten Sie weitere Infos zum jeweiligen Projekt. Bitte lesen Sie auch uns übergreifendes Konzept zum Thema Kindeswohl.

Partner Projekt Gebiet Betrag Spenden-Stichwort
Adelphi gGmbH Berlin Trinkwasserprojekt in Chatra
(fachliche Unterstützung der Umsetung vor Ort)
North 24 Parganas 16.500 € Trinkwasser Chatra
KJKS Kindzentrierte Entwicklung (Adivasi-Dörfer) Jhargram
(früher: West Midnapur)
41.300 € Adivasi
KTfHD Anpassung des Wasserresourcen-Managements an Klimaveränderungen Chatra Gram Panchayat, N-24-Parganas 19.600€ Trinkwasser Chatra
KTfHD Nachhaltige Dorfentwicklung in Chatra Chatra Gram Panchayat, N-24-Parganas 31.300 € Chatra
KTfHD

Unterstützung von Wanderarbeiter-Kindern
größtenteils finanziert durch Schöck-Familien-Stiftung gGmbH

Nayabastiya Gram Panchayat, Baduria Block & Gacha Akharpur Gram Panchayat, Basirhat-1 Block 30.900 € Wanderarbeiter
Lake Gardens

Kinderkrippen für Kinder arbeitender Mütter
(wird wegen Geldmangels zum Jahresende 2025 eingestellt)

Slums in Kalkutta 28.000 € Kinderkrippen
Sanchar

Gemeindenahe Rehabilitation behinderter Kinder

Howrah 41.000 € Behindertenarbeit

Seva Kendra Calcutta (SKC)
(bis 30.4.2025)

Schaffung von Kommunen ohne Kinderarbeit
(wird wegen Geldmangels ausgesetzt)

North 24 Parganas 2.700 € Kinderarbeit

GESAMTSUMME 211.300 €

Alle Beträge beinhalten eine Pauschale von 15 % für:

  • Projektplanung
  • Monitoring/Impact Assessment/Wirtschaftsprüfer
  • Weiterentwicklung
  • Partnertraining und Fortbildungen (Capacity Building)
  • Vernetzung der Partner-NGOs

 

Aktuelle Berichte und Kurzbeschreibungen der Projekte:

Drei Frauen – drei Schicksale - verbunden durch ihre Wertschätzung von Schulbildung
Lebensgeschichtliche Interviews aus dem Adivasi-Gebiet unseres Partners KJKS
1
(Corinna Wallrapp, Infobrief 2025)

„Dank des Nachhilfeunterrichts und der Überzeugungsarbeit der Leute von KJKS konnte ich die 12. Klasse abschließen. Meine Eltern waren erst dagegen, dass ich so lange zur Schule gehe, aber die Mitarbeiterinnen konnten sie umstimmen, ihnen klar machen, dass Schule gut und wichtig für mich ist. Eigent­lich wollte ich anschließend aufs College gehen, aber mein Vater war strikt dagegen. Ich akzeptiere seine Entscheidung und bin dankbar, dass ich zwölf Jahre zur Schule gehen durfte und nun als Lehrerin den Nachhilfeunterricht von KJKS weiterführen darf. Schon als Jugendliche habe ich andere Kinder unterstützt und betreut, damit sie regelmäßig in die Schule gehen. Ich mag es gerne, Verantwortung zu über­nehmen und anderen Kindern etwas beizubringen. Wie es weitergeht? Meine Eltern  suchen nun einen Bräutigam für mich. Vieles hängt dann davon ab, was er nach der Heirat erlaubt.“  Dies erzählt Asmin, ein siebzehnjähriges muslimi­sches Mädchen aus dem Projektgebiet unseres Partners KJKS. Muslime sind eine kleine Minderheit in der Adivasi-Region im Jhargram Distrikt. Die Familien sind sozial wenig integriert, leben unter oft schwierigen wirtschaftlichen Bedin­gungen und haben ihre eigenen Traditionen, die vor allem für Mädchen schwer aufzubrechen sind.

Während meiner Projektreise nach Westbengalen im Februar 2025 habe ich Interviews mit drei Frauen im Adivasi-Projekt­gebiet darüber geführt, wie die Aktivitäten von KJKS ihr Leben beeinflusst haben. Die Gespräche sollen regelmäßig wiederholt werden, um die Frauen über mehrere Jahre hinweg zu begleiten und so beispielhaft sehen zu können, wie unsere Arbeit sich längerfristig auf die Lebensverhältnisse der „Projektbegünstigten“ auswirkt.

Galomni gehört der sozial und ökonomisch besonders benachteiligten Adivasi-Volksgruppe der Sabar (Lodha) an und lebt im gleichen Dorf wie Asmin. Die beiden jungen Frauen haben zusammen die Schule besucht und den Abschluss gemacht. Im Alter von 12 Jahren wurde Galomni ein Waisenkind. Ihre Mutter starb bei einem Streit mit dem Vater, der wiederum wenige Monate später im Gefängnis starb. Zusammen mit ihrem Bruder, der schwere gesundheit­liche Probleme hat, lebt sie seitdem bei der Familie ihres Onkels, wo sie im Haushalt, z.T. auch bei anderen Familien, mitarbeiten muss. Auch sie kann nicht auf eine weiterführende Schule gehen, denn dafür bräuchte sie Geld: die Unterkunft im staatlichen Hostel für Lodhas wäre umsonst, aber Geld für Schulbücher, Matratze und Schulkleidung fehlt und ihr Onkel möchte, dass sie weiterhin für die Familie arbeitet. Vor allem aber will sie ihren Bruder nicht im Stich lassen und aus dem Dorf fortgehen. Im Gegensatz zu Asmin ist Galomni sehr enttäuscht und kann ihre Situation nur schwer akzeptieren.

Mousumi und ihre Familie
Mousumi und ihre Familie © IH

In einem benachbarten Dorf spreche ich mit Mousumi, einer Frau Mitte dreißig und ebenfalls aus der Sabar (Lodha) Gemeinschaft. Sie hat zwei Töchter und einen Sohn, die in die 12., 10. und 8. Klasse gehen, zwei auf Schulen in der Stadt Jhargram; sie leben im Hostel. Mousumi ist stolz auf ihre Kinder und ermutigt alle drei, so lange wie möglich zur Schule zu gehen, gute Abschlüsse zu machen und einen guten Arbeitsplatz zu finden. Heiraten sollen die Kinder, auch die Töchter, erst, wenn sie ihr erstes eigenes Geld verdient haben und unabhängig leben können. Sie vertraut ihren Kindern, dass sie gute Entscheidungen treffen werden.

Auf meine Frage, wie lange sie selbst zur Schule ging, merke ich ihre Enttäuschung sofort: „Ich musste die Schule in der 9. Klasse abbrechen. Die Schule und das Hostel waren zwar umsonst, aber meinem Vater fehlte das Geld für Matratze und Aluminium-Köfferchen. Es schmerzt mich immer noch, wenn ich daran denke. So gerne wollte ich weitermachen.“ Mousumi heiratete wenig später, mit 15 Jahren, einen Mann, Lodha, und zog mit ihm in das Dorf, in dem sie jetzt immer noch lebt. Sie hat sich einen kleinen Kiosk aufgebaut. Ihr Mann ist Hausmeister in einem Hostel. Sie unterstützt regel­mäßig das KJKS-Projektteam und andere Lodha-Familien im Dorf, wenn es um Bildung für deren Kinder geht, z.B. indem sie Dokumente für die Schulanmeldung zusammenzustellen hilft oder mit den Eltern spricht, wenn deren Kinder nicht regelmäßig in die Schule gehen. Auch wenn die Familie von Mousumi innerhalb des Dorfes relativ wohlhabend zu sein scheint und das Zusammenleben mit dem Ehemann einen harmonischen Eindruck macht, sitzt der Schmerz über den verwehrten Schulabschluss tief in ihr. Sie hat die negativen Folgen eines vorzeitigen Schulabbruchs auf ihr weiteres Leben (frühe Heirat, keine Ausbildung, wenig Unabhängig­keit) selbst erfahren und möchte ihren und anderen Kindern diesen Schmerz und diese Enttäuschung ersparen. Bildung ist für sie der einzige Ausweg in ein selbstbestimmtes Leben.

Die drei Lebensgeschichten sind Einzelschicksale, doch das starke Bewusstsein für den Wert von Bildung verbindet die drei Frauen. Ich bin sicher, auch wenn Asmin und Galomni auf Grund ihrer familiären Situation nicht auf das College gehen können, so haben sie doch viel an Selbstbewusstsein und Kompetenzen in der Schule gewonnen, die ihr weiteres Leben beeinflussen werden. Mit ihren eigenen Kindern werden sie wahrscheinlich bewusster umgehen und ihrer Ausbildung eine deutlich höhere Priorität beimessen, so wie es Mousumi für ihre Kinder bereits macht.

Die Begegnungen haben mich beeindruckt. Sie spiegelten mir die Realität und die unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Situationen in den einzelnen Familien in den Projekt­dörfern wider und somit auch die sozialen und wirtschaftli­chen Grenzen von außergewöhnlichen Erfolgsgeschichten. Auch die langfristigen positiven Wirkungen von Bildungs­förderung wurden mir deutlich – bei den heutigen Projekt­begünstigten und sehr wahrscheinlich in der Generation danach. Ich bin gespannt, die drei Frauen bei meiner nächsten Projektreise wieder zu treffen und zu sehen, wie sich ihr Leben weiterentwickelt hat.

Im Projektgebiet von KJKS (Kajla Jana Kalyan Samity) fördern wir seit 2016 Kinder aus benachteiligten Gesell­schaftsgruppen durch ein kindzentriertes Entwicklungs­projekt. Im Jahr 2025/26 unterstützen wir Nachhilfeunter­richt für über 300 Kinder in zehn Dörfern, betreiben Aufklärungsarbeit mit Familien und Gemeinden vor allem zu Bildung, neben Ernährung, Gesundheit und Hygiene. Mit den staatlichen Schulen und Mutter-Kind Zentren (ICDS-Zentren) sowie Regierungsbehörden wird eng zusammengearbeitet, bei gemeinsamen Aktionen wie Lese-Camps, Aufklärung über Kinderrechte ebenso wie bei der Beseitigung von Missständen. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie, dass mehr Kinder aus der Projektregion die vielen positiven Auswirkungen von Bildung erfahren können.

Projektkosten Kindzentrierte Entwicklung (Adivasi-Dörfer) 2025/26: 41.300 Euro
Stichwort: Adivasi

FN 1: Zusammenfassung einer Studie zur Situation der indigenen Bevölkerung Westbengalens (Adivasi -Stammesvölker; sog. Scheduled Tribes, mit diversen Schutzrechten seit der Unabhängigkeit): ca. 6% der Bevölkerung Westbengalens (mehr als 5 Mio.) sind Adivasi. Unter ihnen leiden speziell die Sabar (Lodhas), die ursprünglich Waldbewohner sind und von Waldprodukten leben, unter extremer Armut (Daten des letzten Zensus von 2011), ca. die Hälfte hatte nur 2 Mahlzeiten am Tag, ca. 28 % gingen nicht zur Schule. Diese Ausgangssituation trifft/traf geballt auf unsere Projektdörfer zu.

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„Fast alle Familien legen jetzt Wert darauf, dass ihre Kinder erfolgreich zur Schule gehen.“
Ergebnisse der Evaluierung des Projekts „Kinderarbeiterfreie Kommunen“ mit SKC

(Corinna Wallrapp, Infobrief 2025)

„Das Projekt zur Bildungsförderung mit dem Partner Seva Kendra Calcutta (SKC) hat in den letzten acht Jahren viel erreicht: Das örtliche Projektteam konnte in dieser Zeit mindestens 2.200 Kinder mit hohem Unterstüt­zungsbedarf, d.h. SchulabbrecherInnen, Kinderarbei­ter­Innen und Kinder mit Lernschwächen, in den drei Projektkommunen identifizieren, zum regelmäßigen Schulbesuch motivieren und sie dabei unterstützen.“ So das Fazit von Rusha Mitra, unserer freiberuflichen Mitarbei­te­rin in Kolkata, die zusammen mit Shanto Baksi, einem freien Gutachter, das Projekt Child Labour Free Gram Panchayats (CLFGP) unseres Projektpartners SKC im September 2024 ausgewertet hat. Seit 2016 arbeitete das Projektteam in den Gram Panchayats1 Saguna, Tepul Mirzapur (bis 2022) und Govindapur (ab 2018) im Distrikt North 24 Parganas, nordöst­lich von Kolkata, nahe der Grenze zu Bangladesch.2

„Ich bin stolz darauf, dass meine Rabiya ihre Abschluss­prüfung geschafft hat und jetzt auf’s College geht!“, sagt die Mutter des Mädchens aus einem entlegenen Dorf im Govinda­pur GP. Vor sechs Jahren war eine Projektmitarbeiterin auf die damals elfjährige Rabiya aufmerksam geworden, die ihrer Mutter beim Fischverkauf half und offensichtlich nicht zur Schule ging. Nach mehreren Gesprächen mit den Eltern wurde Rabiya eingeschult und besuchte gleichzeitig den Nachhilfe-Unterricht von SKC. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und einigen „Motivationslöchern“ konnte sie den Lernrückstand aufholen und 2024 die zwölfte Klasse abschließen. Nie hätte sie gedacht, dass sie das schaffen und dann aufs College gehen könnte, doch das SKC-Team glaubte an das Mädchen, das nun die erste in der Familie ist, die einen Bildungsab­schluss erreicht hat und von einem Beruf als Polizistin träumt!

Kinder laufen zur Schule
“Schulbus”-Training in Gobra”  © IH

Vor neun Jahren hatten wir mit SKC das Projekt „Kinder­ar­beiterfreie Kommunen“ begonnen, um Kinder aus einkom­mensschwachen und bildungsfernen Familien beim Besuch der staatlichen Schulen zu unterstützen und sie bis zum Schul­abschluss zu begleiten. Gleichzeitig sollte in den Familien und den Gemeinden das Bewusstsein zu Kinderrechten gestärkt werden, mit dem Fokus auf Abschaffung von Kinderarbeit und von Kinderehen. Der Schulbesuch eines jeden Kindes sollte eine Selbstverständlichkeit werden. Dafür hat das Team von SKC in Saguna und Govindapur jedes Jahr mindestens 750 Kinder in 30 Nachhilfe- und Motivationszentren betreut, viele Jugend- und Gemeindegruppen aufgebaut und beraten und einen engen Kontakt zu den Familien und Kindern, zu Schu­len, Mutter-Kind-Zentren und Regierungsbehörden gepflegt.

Insgesamt stand das SKC-Team im Projektzeitraum mit mehr als 16.000 Familien und mehr als 23.500 Kindern in Kontakt, hat sie aufgeklärt, unterstützt und zu staatlichen Förderungen und sozialen Leistungen beraten. Mehr als 8.900 Kinder und deren Familien profitieren jetzt von staatlichen Förder­programmen, die ihnen zustehen, aber von denen sie zuvor entweder nichts wussten oder Schwierigkeiten bei der Bean­tragung hatten. Mehr als 2.200 Kinder nahmen regelmäßig am spielerischen Nachhilfeunterricht teil. 655 von ihnen im Alter von 7 bis 14 Jahren waren zuvor noch nie in der Schule gewe­sen und hatten stattdessen als Kinderarbeiter in der Land­wirt­schaft, in Ziegeleien oder im Haushalt gearbeitet. Im Lauf der Jahre konnten inzwischen 125 unterstützte Kinder ihren Abschluss der zehnten Klasse machen und besuchen nun zum Teil weiterführende Schulen.

Doch bis es zu einer Schulanmeldung kommt, ist viel Vorar­beit nötig: fehlende Dokumente, wie Geburtsurkunden, müssen bei den indischen Behörden beantragt werden – für Familien, die nicht lesen und schreiben können, nahezu unmöglich ohne die Unterstützung der Projektmitarbeiter­Innen. Gleichzeitig müssen Eltern und Kinder davon über­zeugt werden, dass Bildung und ein Schulabschluss ihnen langfristig helfen, der Armut zu entrinnen, auch wenn die Arbeitsleistung und das eventuell vorhandene kleine Einkom­men der Kinder kurzfristig fehlt. Nach der Einschulung bleibt es eine Herausforderung, die Kinder bis zum Schulabschluss zu begleiten – groß ist die Gefahr, dass die Kinder bei finan­ziellen Problemen in der Familie oder Lernrückständen wieder zur Arbeit geschickt werden. Nach harten Jahren sind die Eltern jedoch stolz darauf, welche schulischen Erfolge ihre Kinder erreichen – so wie Rabiyas Mutter.

Trotz aller Bemühungen konnte die Kinderarbeit in den Dörfern nicht vollständig abgeschafft werden. Eine große Herausforderung sind die Wanderarbeiter- und Tagelöhner­familien, die während ihrer arbeitsbedingten Migration ihre Kinder mitnehmen. Auf diese regelmäßige jahreszeitlich-bedingte Migration von Kindern ist das indische Schulsystem nicht eingestellt, obwohl es Millionen von Wanderarbeiter-Familien in Indien gibt. So brechen viele Wanderarbeiter-Kinder die Schule ab, weil sie die durch ihr langes Fehlen entstandenen Lernrückstände ohne Hilfe nicht aufholen können. Für einige Familien konnte das SKC-Team Lösungen finden: im Idealfall konnte für die Eltern eine dauerhafte Arbeitsstelle vor Ort gefunden werden, oder die Kinder wurden während der Abwesenheit der Eltern bei Verwandten im Dorf untergebracht. Rusha Mitra erzählt von ihrem letzten Projektbesuch: „Trotz aller Schwierigkeiten spürt man das gewachsene Bewusstsein in den Familien und den Gemeinden dafür, wie wichtig Bildung für ihre Kinder ist. Doch es braucht einen langen Atem, der soziale Wandel braucht einfach seine Zeit."

Gern hätten wir das Projekt mit SKC in weiteren Dörfern fort­gesetzt. Doch auf Grund unserer finanziellen Engpässe waren wir gezwungen, 2025-26 eines unserer Projekte aufzugeben. Nach langen Überlegungen haben wir uns schweren Herzens entschieden, uns aus dem Projekt mit SKC zurückzuziehen. Zu dieser Entscheidung hat uns bewogen, dass SKC bereits eine anderweitige Teilfinanzierung für die Aktivitäten im Saguna GP sicherstellen konnte. Für Govindapur GP haben wir eine Übergangslösung gefunden, bei der die Gemeinden und lokalen Gruppen so gestärkt wurden, dass sie die Aufklä­rungsarbeit eigenständig fortsetzen können. Wir hoffen sehr, dass wir das Projekt im nächsten Jahr wieder aufnehmen und weiterentwickeln können – dafür sind wir dringend auf Ihre Spenden angewiesen!

FN 1: Gram Panchayat (GP): Kommunen, die aus mehreren Dörfern und Weilern bestehen
FN 2: Dichtest bevölkerter Distrikt ganz Indiens, von Außenbezirken und Satellitenstädten Kolkatas bis in die Mangrovenwälder des Gangesdeltas. Große Bandbreite von modernen High Tech Gebieten bis hin zu fragilen Lebensräumen, wo die Bevölkerung den Auswirkungen des Klimawandels (jährlich sich ausweitende Überflutungen, Zyklone) ebenso ausgesetzt ist wie der Ausbeutung im informellen Sektor. s.a. https://en.wikipedia.org/wiki/North_24_Parganas_district

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Kinder von Dorf-Tänzerinnen und -Musikern im Purulia-Distrikt:
Abschluss eines besonderen Projekts.
Es bleibt: lokale Initiative und starkes Bewusstsein für den Wert von Bildung

(Corinna Wallrapp, Infobrief 2025)

„Als ich mit Rusha1 Ende 2015 zum ersten Mal nach Purulia fuhr, spürte ich sofort den starken Zusammenhalt der Nachnis und Jhumur und die Freude darüber, dass ihre Kinder für das neu geplante Projekt ausgewählt worden waren. Voll Interesse und Begeisterung hießen sie uns willkommen. Sie zeigten Stolz auf ihre Gemeinschaft und ihre traditionelle Tätigkeit als Dorftänzerinnen und Sängerinnen. Sie freuten sich. Gleichzeitig waren die Lebensbedingungen dieser Frauen in dem ca. 300 km nordwestlich von Kolkata gelegenen Distrikt für mich ein Schock: Ihre Armut war erschütternd. Trinkwasser holten sie aus einem verdreckten Teich. Kinder gingen selten zur Schule. Viele waren unterernährt.“ So erinnert sich Marion Schmid, Projektkoordinatorin der Indienhilfe von 2014 bis 2018, an ihren ersten Besuch in den Dörfern Senabona und Kotshila im Purulia Distrikt.

Lange waren Nachnis auf Grund ihrer Tätigkeit und Lebensweise – sehr jung von den Eltern wegen der familiären Armut an einen Musiker, „Roshik“, gegen Geld in Besitz übergeben, um bei nächtlich-erotischen Tanz- und Gesangsauftritten für die ländliche männliche Bevölkerung Geld zu verdienen – besonderer Diskriminierung und Benachteiligung ausgesetzt. Ähnlich die Jhumur (Volkstanz und Gesang). Als „Unberührbare“ stigmatisiert, von der höherkastigen Dorfgemeinschaft gemieden, verdienten Nachnis und Jhumur den Lebensunterhalt durch ihre Auftritte. Das reichte selten aus. Trotz gewisser staatlicher Hilfen lebten die meisten in prekären Verhältnissen und versuchten, als TagelöhnerInnen dazuzuverdienen. Auch viele Kinder mussten arbeiten. Bildung, vor allem für Mädchen, hatte zu Projektbeginn kaum einen Stellenwert bei den in der Regel alleinstehenden Müttern.2

Kinderkrippe von DMSC
Regelmäßiger Nachhilfe-Unterricht in Bengali, Englisch und Mathe. © IH

DMSC (Durbar Mahila Samanwaya Committee), eine Selbsthilfe-Organisation von Sex Workers, Sexarbeiterinnen, wie sie sich selbstbewusst nennen, mit Sitz in Kolkata, hatte sich an die Indienhilfe gewendet, sie bei der 2004 aufgenommenen Arbeit im Purulia-Distrikt zu unterstützen. Ziel: das Selbstwertgefühl der Nachnis und Jhumur und ihre Solidarität untereinander zu stärken, sie zu befähigen, staatliche Angebote und Fördermittel wahrzunehmen, sich beruflich weiterzubilden und für ihre Kinder gut zu sorgen, einschließlich schulischer Bildung, und sich selbst zu organisieren. Gemeinsam mit diesem neuen Projektpartner entwickelten wir im Jahr 2016 das Projekt für eine kindgerechte Entwicklung und gute Bildung der Kinder, gekoppelt mit Beratung ihrer Mütter. Möglich wurde dieses Projekt, weil RED CHAIRity, die Fördereinrichtung eines großen Möbelhauses, das mit riesigen roten Stühlen vor ihren Filialen auf sich aufmerksam macht, uns eine großzügige Finanzierung für drei Jahre bewilligte, leider nicht darüber hinaus.

So entstanden in den Dörfern Senabona und Kotshila je ein Sozialzentrum, in dem eine ganztägige Krippenbetreuung mit frühkindlicher Förderung für Kinder bis zum Alter von sechs Jahren und täglich Nachhilfeunterricht für Kinder bis zu 14 Jahren angeboten wurden, und alle Kinder (bis zu 125) täglich eine nahrhafte Mahlzeit bekamen. Daneben spielte der enge Kontakt mit den Eltern durch Hausbesuche und die Bewusstseinsbildung in Sachen Ernährung, Gesundheit, Hygiene, staatliche Förderungen und vor allem Bildung eine entscheidende Rolle, um Veränderungen in der Gemeinschaft und ihrem Handeln in Bezug auf ihre Kinder anzustoßen.

Intensive Betreuung in den vergangenen acht Jahren ermöglichte jährlich ca. 125 besonders benachteiligten Kindern und Jugendlichen in den Krippen und Nachhilfezentren, sich ausreichend und gesund zu ernähren, körperlich altersgemäß zu entwickeln und den Anforderungen des Schulbesuchs zu genügen. Weil die meisten Kinder die Zentren mehrere Jahre durchgehend besuchten – manche begannen als Kleinkind in der Krippe, manche kamen erst im Schulalter dazu und besuchten nur den Nachhilfeunterricht – konnten seit Projektbeginn insgesamt „nur“ 265 Kinder begleitet werden. Mittlerweile haben 17 von ihnen die 10. Klasse erfolgreich abgeschlossen, die anderen haben noch ein paar Schuljahre bis zum Abschluss vor sich.

Zugleich fanden regelmäßig Treffen mit den DorfbewohnerInnen statt, einerseits mit dem Ziel, die Diskriminierung einzelner Personengruppen zu überwinden und Gemeinschaftsgefühl zu wecken, aber auch ganz konkret, um Bewusstsein für Bildung in der gesamten Gemeinschaft zu schaffen. Um mehr als die 265 Kinder in den Zentren zu erreichen, halfen die MitarbeiterInnen von DMSC auch den anderen Familien in den Dörfern bei der Anmeldung ihrer Kinder an Schulen und zu Prüfungen sowie bei der Beantragung weiterer staatlicher Förderleistungen, von denen es einige speziell für Nachnis und Jhumur gibt. Heute werden in den Projektdörfern fast alle Kinder eingeschult. Die Ernährungssituation von Kindern, Schwangeren und Müttern mit Babys hat sich während der Projektlaufzeit verbessert: mehr als 90 % der Kinder, die regelmäßig in die Sozialzentren kamen, verbesserten ihr Verhältnis „Größe zu Gewicht“ in Bezug auf ihr Alter. Viele Mütter nehmen nun regelmäßig die Angebote in den staatlichen Mutter-Kind-Zentren für sich und ihr Baby wahr, so insbesondere die tägliche warme Mahlzeit dort (bis zum Alter von 6 Jahren). Etwa fünfzig von DMSC unterstützte Jugendliche engagieren sich, um in ihren Dörfern Kinderehen zu stoppen und die Kinder in ihrer Nachbarschaft zum regelmäßigen Schulbesuch zu motivieren.

Auch wenn die Begeisterung für das Projekt von Anfang an groß war und im Rückblick viel erreicht worden ist, wurde uns wieder bewusst, dass es viel Zeit und Geduld, unzählige Gespräche und großes Vertrauen der Kinder und Familien braucht, um Denkmuster und Verhaltensweisen zu verändern, Herausforderungen zu überwinden und nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Während der Corona-Zeit mit den fast zwei Jahre dauernden Schulschließungen war dieses Vertrauen besonders wichtig. In dieser Zeit brachen in den abgelegenen Gegenden viele Kinder die Schule ganz ab und fanden den Wiedereinstieg nach dem Lockdown sehr schwer. Zusätzlich brachen die ohnehin geringen Einkommen der Familien weg. Es war eine schwierige Zeit für die Menschen vor Ort, aber in „unseren“ Dörfern Senabona und Kotshila stand ihnen das Projektteam unermüdlich zur Seite. So konnten Lernlücken und fehlende Motivation der Kinder zum Teil aufgefangen werden, Essensrationen und Hilfsgelder wurden verteilt und es wurde viel Aufklärung über das Virus und die staatlichen Impfkampagnen betrieben3.

Nachdem das Projekt Ende 2024 beendet werden sollte, wurde der Fokus im letzten Projektjahr insbesondere auf den Aufbau nachhaltiger Strukturen durch die Einbeziehung der Gemeinschaften vor Ort in die Projektaktivitäten gelegt.4 An beiden Standorten übernahmen Jugendliche wichtige Überzeugungsarbeit und es bildeten sich Gemeindegruppen, die Interesse an der Fortsetzung der Nachhilfe- und Aufklärungsarbeit mit Unterstützung von DMSC haben.

Die Samen, die das Projekt in der Gemeinschaft und in das Bewusstsein der Kinder und Familien gepflanzt hat, werden auch in Zukunft weiterleben und aufgehen. Wir werden die Menschen in der Projektregion wieder besuchen und sind auf die Entwicklungen gespannt! Wir bedanken uns bei allen Spenderinnen und Spendern für ihre Unterstützung des Projektes. Sobald unsere Spendensituation es zulässt, würden wir gerne ein neues Projekt in Purulia aufbauen. Der Bedarf in anderen Dörfern ist weiterhin hoch.

FN 1: Rusha Mitra, freie Mitarbeiterin der Indienhilfe für die Projektkoordination vor Ort
FN 2: Einen ausführlichen Artikel von Marion Schmid zu den Nachnis und Jhumur finden Sie im Sommerinfo 2016 - kann gern angefordert werden; s.a. der lesenswerte Bericht von Partho Burmann (2022) über die Situation der Nachnis
FN 3: Artikel im Frühjahrsinfo 2022 von Sarah Well-Lipowski
FN 4: Von 2017 bis 2021 finanzierte RED CHAIRity, die weltweit tätige Hilfsorganisation der XXXLutz-Möbelhäuser, das Projekt vollständig, von 2022 bis Ende 2024 führte die Indienhilfe das Projekt aus eigenen Mitteln fort.

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Die Projekte der Indienhilfe in Westbengalen, Indien: mit wem? für wen? was und wie?
(Corinna Wallrapp)

Sariful Gazi, ein neunjähriger Junge aus einem abgelegenen Dorf, Gobindapur, geht gerne zur Schule, aber immer wieder kommt er mit dem Lernstoff nicht zurecht. Sariful lebt mit seinen Eltern und einem älteren Bruder in der Grenzregion zu Bangladesch. Die Eltern haben kein eigenes Land zur Bewirt­schaftung. Sein Vater arbeitet als Gelegenheitsarbeiter auf Feldern anderer. Seine Mutter sammelt Pflanzen und Krebse im nahegelegenen Fluss, die sie auf dem Markt verkauft. Der Verdienst ist unsicher, meist reicht das Geld nicht für den Lebensunterhalt. Deshalb arbeiten die Eltern zusätzlich jedes Jahr in der Trockenzeit als Wanderarbeiter in Lehmziegel-Brennereien. Die Arbeit wird stückweise nach geformten Ziegeln bezahlt. Je mehr Hände helfen, desto mehr Ziegel können geformt werden. Deshalb müssen Sariful und sein Bruder mitwandern und mitarbeiten, auch wenn die körper­liche Arbeit mit dem schweren Lehm für die Kinder viel zu anstrengend ist und sie deshalb für zwei bis drei Monate die Schule verpassen.

Joyful learning in Gobindapur
Gobindapur: Spielerisches Lernen in den Nachhilfe-Zentren von SKC.  © IH

Sariful ist nur einer der ca. 500 Millionen Menschen, die zu den 30-40 % Armen in Indien gehören. Sariful jedoch hat das Glück, in der Region unseres Projektes „Child Labour Free Gram Panchayats“ unseres Partners Seva Kendra Calcutta (SKC) zu leben. Seit einem Jahr geht er regelmäßig in den Nachhilfeunterricht, der im Rahmen des Projekts angeboten wird, um seine Lerndefizite aufzuholen, und wo er lernt, selbstbewusst aufzutreten.

Auch sein Vater konnte vom Projekt profitieren: Durch die Vernetzung mit anderen Gemeindemitgliedern konnte er eine besser bezahlte und regelmäßige Arbeit bei lokalen Fischern finden, so dass die Familie nicht mehr zu den Ziegeleien migrieren muss. Ob Sariful später eine andere Arbeit als seine Eltern finden wird, hängt von vielen Faktoren ab. Ein guter Schulabschluss an einer weiterführenden Schule, ausrei­chende und ausgewogene Ernährung als Kind und eine starke Persönlichkeit erhöhen auf jeden Fall seine Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben ohne Armut (s. Artikel „Warum für Indien spenden?“).

joyful learning KJKS
Jhargram Distrikt: Spielerisches Lernen in den Nachhilfe-Zentren von KJKS © IH

Im Moment unterstützt die Indienhilfe sechs Projektpartner mit acht verschiedenen Projekten in abgelegenen und benachteiligten Regionen Westbengalens. Jedes Projekt ist an die jeweilige Situation vor Ort angepasst; gemeinsam ist jedoch allen das Ziel, die Situation der Kinder nachhaltig zu verbessern. Hierfür fördern wir in allen Projekten einen verbesserten Zugang zu Bildung durch motivierenden Nach­hilfeunterricht, um bei den Kindern spielerisch Freude am Lernen zu wecken und die Lerndefizite auszugleichen, die neben den familiären Faktoren oft auch mangelhaften staatli­chen Schulen geschuldet sind. Durch Hausbesuche und Gruppentreffen mit Eltern und Familien, vor allem den Müttern, verstehen die ProjektmitarbeiterInnen die Situatio­nen in den Familien besser und unterstützen sie je nach Bedarf, z.B. bei der Herstellung von Kontakten oder der Beantragung staatlicher Leistungen und Programme. Letztere vervielfachen jeden von Ihnen gespendeten Euro!1 Für Schwangere und Kinder bis zu 6 Jahren steht die Motivation zur Nutzung der staatlichen Integrated Child Development Services (ICDS) – Mutter-und-Kind-Zentren – im Mittelpunkt: Schwangeren­betreuung, tägliche Mahlzeit für die Kleinkinder, Impfungen, Gesundheits-Checks, ggf.  Arzt-Überweisung, nonformale Vorschulbildung, Verhütungsberatung etc. Das Projektteam klärt bei Elterntreffen über ausgewogene Ernährung, Gesund­heitsvorsorge, Hygiene und Kinderschutz, gewaltfreien Umgang in der Familie auf, stärkt die Frauen. Kontaktherstel­lung zu Schulen, Ämtern, Gemeindeverwaltungen, Behörden und Institutionen soll die Situation der Kinder positiv verän­dern, u.a. auch durch Aufzeigen von Mängeln oder Miss­ständen in staatlichen Einrichtungen. Ein zentraler Aspekt ist die Förderung von Selbstorganisation in den Kommunen: die Menschen befähigen, selbst und gemeinsam ihre Probleme anzugehen, ihre Rechte durchzusetzen (Hilfe zur Selbsthilfe).2

Sariful und seine Familie stehen beispielhaft für unsere Ziel­gruppen in den Projekten: sozio-ökonomisch und kulturell benachteiligte Familien, die in prekären Lebensverhältnissen leben und kaum Möglichkeiten haben, ihre Situation aus eige­ner Kraft langfristig zu verbessern und ihre Kinder aus der Armutsfalle zu befreien. Noch viele andere Kinder sind auf Hilfe angewiesen. Ihre Spende hilft, dass wir noch mehr Kinder und deren Familien mit unseren Projekten erreichen.


FN 1: Infobrief 3/2022, S.4-5: „Wie unsere Projektpartner die Nutzung staatlicher indischer Hilfsprogramme befördern: Beispiel SANCHAR und unser Projekt für Kinder mit Behinderungen“, https://indienhilfe-herrsching.de/sites/default/files/Dokumente/Infobriefe/Indienhilfe-Weihnachtsinfo-2022.pdf
FN 2: Artikel zu den einzelnen Projekten finden Sie auf unserer Homepage unter https://indienhilfe-herrsching.de/Projekte-Indien
 

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Das Team von „Lake Gardens“ setzt erste Inklusions-Maßnahmen um
– ein toller Erfolg des Projektes Moving Ahead

(Corinna Wallrapp, Infobrief 1/2024)

Das Lake Gardens Women & Children Development Centre ist eine unserer ältesten Partnerorganisationen, mit der wir seit 2005 Krippen für Kinder aus Slums in Kolkata betreiben, um sie sicher zu betreuen und auf die Einschulung vorzubereiten, während die Eltern arbeiten müssen. Immer wieder gibt es in den Krippen und Slumsiedlungen Kinder, die eine verzögerte Entwicklung oder andere Auffälligkeiten zeigen. Daher haben wir im April 2023 Lake Gardens als eine von vier Partner- Organisationen für die Teilnahme an Moving Ahead ausgewählt1. Gefördert durch die Schöck-Familien-Stiftung gGmbH startete damals mit Sanchar, unserem Projektpartner für inklusive Behindertenarbeit, unser zweijähriges Projekt Moving Ahead. Seit einem Jahr trainiert, berät und unterstützt Sanchar vier unserer Projektpartner, den Blick auf Menschen mit Behinderungen zu schärfen und das Thema Inklusion in all ihre laufenden Projekte und ihre Organisationsstrukturen zu integrieren.

Kind lernt feinmotorische Fähigkeiten
Kind lernt feinmotorische Fähigkeiten in der Krippe Colibri © IH

Von Anfang an zeigten die MitarbeiterInnen von Lake Gardens sowohl auf der Management- als auch auf der Projektebene großes Interesse an den Trainings und Treffen mit den ExpertInnen von Sanchar. Seit langem war ihnen bewusst, dass einige Kinder in den Krippen Entwicklungsverzögerungen und einen erhöhten Förderbedarf haben, waren jedoch schnell mit den entsprechenden Kindern überfordert. Es fehlte ihnen das Verständnis und Fachwissen, wie sie diese Kinder besser fördern und die Familien unterstützen können.

Ein Kind mit motorischen Beeinträchtigungen übt, den Löffel selber zu halten
Ein Kind mit motorischen Beeinträchtigungen übt, den Löffel selber zu halten – ein wichtiger Schritt für ein eigenständiges Leben. © IH

In unserem Projekt The Vulnerable Ones mit Lake Gardens werden 65 Kinder im Alter von ein bis fünf Jahren, die in prekären Familien- und Wohnverhältnissen in Slum-Gebieten in Kolkatas Stadtteil Lake Gardens aufwachsen, in drei Krippen betreut und gefördert und bekommen ein nahrhaftes warmes Mittagessen. So können die Eltern, und vor allem die Mütter, einer geregelten Arbeit nachgehen, ohne sich um ihre Kinder Sorgen machen zu müssen. Gleichzeitig beraten die ProjektmitarbeiterInnen die Eltern und die Familien in deren Umfeld zu Themen wie Gesundheit, Hygiene, Eröffnung von Bankkonten, Zugang zu staatlichen Leistungen, beraten die Mütter bei Fällen von (häuslicher) Gewalt. Seit diesem Jahr sensibilisieren sie nun auch für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen. In den „Communities“ ist vor allem die Wahrnehmung und Stigmatisierung von Menschen mit Behinderungen und deren Familien ein Problem, aber auch der Zugang zu staatlichen Förderprogrammen und speziellen Therapien. Die meisten Familien sind sehr frustriert und ungeduldig, wenn sie bei ihrem Kind keine oder kaum „normale“ Fortschritte sehen und können diese Verzögerungen nicht einordnen. Selbst, wenn sie die Behinderung ihres Kindes anerkennen und ihm helfen möchten, können sich die meisten Familien einen Therapieplatz nicht leisten oder warten vergeblich darauf.

So erging es auch der Mutter von Sujoy: Sujoy hat bereits drei Jahre lang die Colibri-Krippe von Lake Gardens besucht und kam vor kurzem altersentsprechend in die Vorschule. Er leidet jedoch an Krämpfen und kann mit fünf Jahren noch nicht verständlich sprechen. Früher hatten seine Betreuerinnen in der Krippe wenig Geduld mit Sujoy, doch nach den Trainings
 urch Sanchar verstand das Lake-Gardens-Team seine Entwicklung besser und führte seit Monaten täglich mit ihm Sprechübungen nach speziellen Anleitungen von Sanchars ExpertInnen durch. Erfolge sind bereits hörbar. Doch in der Vorschule, in die er gewechselt war, fühlte Sujoy sich nicht wohl. Mit seiner Sprachstörung wurde er von MitschülerInnen und auch Lehrkräften von Anfang an ausgegrenzt. Lake Gardens hat sich nun bereit erklärt, Sujoy ein weiteres Jahr in der Krippe zu behalten und täglich mit ihm zu üben. Zugleich versuchen sie, zusammen mit Sanchar, die Mutter bei der Suche nach einem günstigen Therapieplatz zu unterstützen.

Team von Sanchar hilft Lake Gardens Mitarbeiterinnen und Eltern, Kinder mit Entwicklungsverzögerungen in der Krippe besser zu verstehen
Team von Sanchar hilft Lake Gardens Mitarbeiterinnen und Eltern, Kinder mit Entwicklungsverzögerungen in der Krippe besser zu verstehen und zu fördern. © IH

Insgesamt hat Lake Gardens in den letzten Monaten 19 Kinder mit Behinderungen in ihren Krippen und den Slums identifiziert und versucht, diese nun trotz aller Herausforderungen und Probleme in die Projektaktivitäten zu integrieren und zu fördern.

Jedes Kind mit Behinderungen und jede Familie hat andere Voraussetzungen und Bedürfnisse und benötigt deshalb individuelle Unterstützung. Das Team von Lake Gardens ist sehr motiviert, merkt aber auch, wie zeitintensiv diese zusätzlichen Aufgaben sind. Für das neue Finanzjahr 2024/25 hat die Indienhilfe die Einstellung einer weiteren Mitarbeiterin zur Unterstützung des Teams bewilligt, damit Lake Gardens dem Ziel „Leave no one behind!” ein kleines Stückchen näher kommen kann.

Auch unsere anderen drei Partnerorganisationen, die am Inklusionsprojekt teilnehmen, haben in den letzten Monaten einen geschärften Blick für Kinder mit Auffälligkeiten und deren Bedürfnisse entwickelt und begonnen, in ihren Projektgebieten verstärkt inklusive Aktivitäten umzusetzen: Neben der gezielten Förderung von Einzelfällen spielen die Aufklärung über Ursachen von Behinderung2 und die Sensibilisierung bezüglich der Stigmatisierung von Behinderung eine große Rolle. Der verbesserte Zugang zu regulären Schulen, Teilnahme, soweit möglich, am begleitenden Unterricht in den Nachhilfezentren im Rahmen der meisten Indienhilfe-Projekte, Unterstützung für den Zugang zu staatlichen Leistungen, wie Prothesen, Rollstühle, Hörgeräte, Fahrkostenzuschüsse etc., sind zentrale Bestandteile der Aktivitäten. Die meisten Familien waren bisher auf sich alleine gestellt, umso dankbarer sind sie jetzt, dass unsere Projektpartner nun auf sie zugehen und ihnen im Rahmen der Möglichkeiten bestmögliche Unterstützung anbieten. Die intensiven Trainings und Beratungen von Sanchar im Rahmen des Projektes Moving Ahead zeigen Wirkung. Die vier Organisationen wollen Inklusion in ihre Projekte integrieren und leben. Mit vielen kleinen Maßnahmen und Aufklärungsarbeit wollen wir am liebsten allen Kindern mit Behinderungen in unseren Projektgebieten gerecht werden und ihnen die notwendige Förderung für ein möglichst eigenständiges Leben verschaffen!

Für die Umsetzung bei den Pilot-Partnern benötigen wir dringend zusätzliche Spenden!

Projektkosten „Zusätzl. Inklusions-Maßnahmen“ 2024/25: etwa 19.000 €
Stichwort: Inklusion/Behindertenarbeit

FN 1: Die weiteren Organisationen sind: Hijli INSPIRATION, Seva Kendra Calcutta (SKC) und Kajla Janakalyan Samity (KJKS)
FN 2: nicht zufällig leben von weltweit 29 Millionen Kindern zwischen 0 und 4 Jahren mit einer oder mehreren Behinderungen ca. 90% in Ländern des Globalen Südens – d.h. in den weltweit ärmsten Bevölkerungsschichten, mit Unterernährung, Mangel an Hygiene und ärztlicher Versorgung etc. – siehe bezev

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Leave no one behind! Inklusion von Menschen mit Behinderung stärken –
Sanchar ist Partner der Indienhilfe beim neuen Programm „Moving Ahead“

(Corinna Wallrapp, Weihnachtsinfo 2023)

Mit verbundenen Augen steht Mitra M., Mitarbeiterin unseres Partners Hijli Inspiration, vor einem Tablett mit gefüllten Teetassen, zögerlich streckt sie ihre Hand Richtung Tasse. Ihre Aufgabe klingt einfach: Verteile die Teetassen an die anderen Personen im Raum! Doch wie viele Personen sind es? Wo stehen sie? Sind die Tassen sehr voll? Wie soll ich sie verteilen, ohne etwas auszuschütten? Mitra nimmt an einer Schulung unseres Projektpartners Sanchar teil und soll erfahren, wie sich das Leben für blinde Menschen anfühlt.

Im April 2023 konnten wir mit Moving Ahead ein wichtiges neues Programm mit unserer auf Inklusion  spezialisierten Partnerorganisation Sanchar (s. Kasten) starten. Ermöglicht wird das von der Schöck-Familien-Stiftung gGmbH, die für zwei Jahre die Finanzierung bewilligt hat. In diesen zwei Jahren trainiert Sanchar vier unserer Partnerorganisationen1 und unterstützt sie dabei, Maßnahmen zur Inklusion von Menschen mit Behinderungen in ihre Projektarbeit und ihre Organisationsstruktur zu integrieren.

Seit fast zwei Jahrzehnten finanziert die Indienhilfe gemeindebasierte Behindertenarbeit. Im Coronajahr 2020 nahmen die Indienhilfe-Teams Herrsching und Kolkata und alle Projektpartner an einer viertägigen Online-Fortbildung zu Inklusivem Projektmanagement durch eine Trainerin der Christoffel-Blindenmission2 teil. Seither verfolgen wir das Ziel, Inklusion – nicht nur von Kindern – als Querschnittsaufgabe in allen Projekten und mit allen Partnern aufzugreifen.

Behinderung ist nach wie vor ein schambehaftetes Tabu. Menschen mit Behinderung werden von ihren Familien oft in den eigenen vier Wänden isoliert und von der Außenwelt abgeschottet. Armut und Behinderung bedingen sich oft gegenseitig: Menschen, die in Armut leben, sind einem höheren Risiko ausgesetzt, eine Behinderung zu haben, und diese macht es wiederum sehr schwierig, der Armut zu entfliehen. Bestehende Angebote für Menschen mit Behinderung sind eher in den großen Städten zu finden und für SlumbewohnerInnen und ländliche Bevölkerungsschichten in prekären Verhältnissen mit geringer Bildung schwer zugänglich. Kinder wie Erwachsene mit Behinderungen sind vom gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben weitgehend ausgegrenzt und vermehrt von Diskriminierung und (auch sexueller) Gewalt betroffen. Zugleich kennen viele Menschen mit Behinderung ihre Rechte und Ansprüche nicht bzw. sind nicht in der Lage, diese einzufordern. Mit Sanchar hat die Indienhilfe einen idealen Partner, um Inklusion in den Partnerorganisationen und unseren Projekten voranzutreiben.

Seit April diesen Jahres wurde im Projekt Moving Ahead bereits einiges umgesetzt: erste Vor-Ort-Besuche und Bedarfsanalysen in den vier Projektgebieten durch Sanchars ExpertInnen, kombiniert mit ersten Trainings für MitarbeiterInnen, schärften deren Wahrnehmung von Menschen mit Einschränkungen. In allen Projektgebieten gibt es Kinder mit Entwicklungsverzögerungen und speziellen Bedürfnissen, die bisher nicht systematisch erfasst und angemessen gefördert werden konnten. Hier ist die Sensibilisierung der MitarbeiterInnen ebenso gefragt wie das Wissen über vorhandene Unterstützungsprogramme und Institutionen für die medizinische und therapeutische Versorgung der Kinder. Aufklärung zu Rechten und Umgang mit Stigmatisierung in Familie und Gesellschaft werden in den nächsten Wochen in intensiven Trainings von Sanchar aufgegriffen.

Sanchar Sign Language Class
Sanchar-Mitarbeiterin Priyanka G., selbst gehörlos, unterrichtet ganz selbstverständlich KollegInnen in Gehörlosen-Sprache. Für sie ist ihr Nicht-Hören-Können einfach eine „Eigenschaft“. © IH

Als nächster Schritt ist die grundsätzliche Einbeziehung von Inklusion in die Maßnahmenplanung bei allen beteiligten Projekten zentral für das Moving-Ahead-Konzept. Für das indische Finanzjahr 2024-25 sollen alle beteiligten Partner projektspezifische Maßnahmen zur Förderung von Inklusion identifizieren, z.B. Kampagnen in den Familien und Gemeinden, Unterstützung bei der Beantragung von Behindertenausweisen und staatlichen Förderungen (z.B. für Rollstühle, Prothesen, Brillen etc.) oder Bereitstellung von Informationen zu therapeutischen Angeboten. In den Projekt Lernzentren soll der Blick für Kinder mit Auffälligkeiten geschärft werden, um ihnen individuelle Unterstützung anbieten zu können. Aber nicht nur die Indienhilfe-finanzierten Projekte und deren Zielgruppen sollen von Moving Ahead profitieren – ein Umdenken innerhalb der gesamten Organisation und – noch viel wichtiger – ein Umdenken in der umgebenden Gesellschaft sollen angestoßen werden, um dem Ziel „Leave no one behind!“ näher zu kommen.

Wir danken der Schöck-Familien-Stiftung sehr, die im Rahmen von Moving Ahead die Trainings und die Beratung bei der Entwicklung jeweils eigener Lösungen für zunächst zwei Jahre finanziert. Für die personalintensiven Maßnahmen zur verbesserten Inklusion von Menschen mit Behinderungen in allen Projektgebieten sind wir jedoch weiterhin dringend auf Spenden angewiesen, insbesondere für erforderliche zusätzliche MitarbeiterInnen!

Projektkosten „Community Based Rehabilitation“ 2023/24: etwa 30.000 €
Stichwort: Behindertenarbeit/Inklusion

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FN 1: Hijli Inspiration, Kajla Jana Kalyan Samity (KJKS), Lake Gardens Women & Children Development Centre, Seva Kendra Calcutta (SKC)
FN 2: CBM, Bensheim, mehr zum Thema unter https://www.cbm.de/informieren/armut-und-behinderung.html


Sanchar – unsere Experten für Inklusion

Junge engagierte SonderpädagogInnen um den leider bereits verstorbenen Gautam Chaudhury gründeten 1990 in Kolkata den Verein Sanchar, heute geführt von Tulika Das, Mitstreiterin der ersten Stunde. Sanchar setzt sich für Rechte und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen insbesondere in Slums und ländlichen Gebieten im Sinne der SDGs ein (UN-Nachhaltigkeitsziel SDG 10/“Leave No One Behind“ – s. https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/nachhaltigkeitspolitik/weniger-ungleichheiten-1592836) und hat sich zum Ziel gesetzt, zu einer Veränderung der sozial-gesellschaftlichen Strukturen beizutragen, damit Menschen mit Behinderungen respektiert und in allen Lebensbereichen gleichberechtigt einbezogen werden. Der in vielen Ländern der Welt etablierte Ansatz nennt sich „Gemeindenahe inklusive Entwicklung“ (Community Based Inclusive Development). Neben medizinischen Aspekten und Zugang zu Hilfsmitteln geht es dabei um Stärkung des familiären Umfelds, Bildung, Förderung der Existenzsicherung und einen allgemeinen sozial-gesellschaftlichen Wandel: Das Thema Behinderung soll nicht aus dem Alltag verbannt, sondern in Familie und Gesellschaft integriert werden. Sanchar bietet Organisationen in ganz Indien Beratung und Trainings an und setzt selbst Inklusions-Programme um. Seit 2016 arbeitet die Indienhilfe im Howrah-Distrikt mit Sanchar zusammen, mit Schwerpunkt auf Kindern mit Behinderung aus benachteiligten Bevölkerungsgruppen, teil finanziert seit 2019 durch das Deutsche Katholische Blindenwerk, DKBW. Mehr zum Projekt unter hier. Dabei lebt Sanchar Inklusion in der eigenen Organisation vor: Die gehörlose Priyanka G. und der blinde Raman K. sind gleichwertige Mitarbeitende im Projekt-Team, bei Besprechungen ist es selbstverständlich, dass mit Gebärdensprache übersetzt wird,bzw. Präsentationen vorgelesen werden. So sieht gelebte Inklusion aus! (s.a. https://Sanchar-india.in/programme-unit-community-based-inclusive-development/)

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Wissenschaftlich bestätigt: Trinkwasseraufbereitungsanlage in Chatra entfernt alle Schadstoffe
(Corinna Wallrapp, Weihnachtsinfo 2023)

Nach Fertigstellung der Trinkwasseraufbereitungsanlage in Chatra, Herrschings Partnergemeinde, im Juli 2022 und mehr monatigem erfolgreichem Testbetrieb versorgt sie seit 6. Februar 2023 offiziell die Familien im Ortsteil Rasui mit sauberem Trinkwasser. Die ein Jahr lang regelmäßig entnommenen Wasserproben des aufbereiteten Wassers hielten die indischen wie internationalen Trinkwassernormen ein. Das Wasser für die Anlage wird dem nahegelegenen Fluss Padma entnommen, in einem Teich vorgeklärt und dann über ein mehrstufiges Filtrationssystem von Schadstoffen gereinigt. Die Filter bestehen aus effektiv aufeinander abgestimmten natürlichen Materialien wie Kies, Sand und Kohle, sowie Belüftungskaskade und anschließender Chlorung für die sichere Verteilung über Wasserleitungen. Ronjon Heim/adelphi research gGmbH, Berlin, unser Projektpartner, entwickelte das naturnahe Verfahren, überwachte den Bau und betreut nun die weiteren Schritte beim Betrieb mit der wissenschaftlichen Unterstützung der School of Water Resources Engineering der Jadavpur Universität in Kolkata. Das indische Department of Science and Technology finanzierte hier ein Labormodell der Filteranlage im Rahmen eines Forschungsprojektes. Vier Master-Arbeiten entstanden unter Leitung von Nilanjan Saha, Doktorand der Universität und Mitarbeiter von adelphi, und Professor Dr. Asis Mazumdar und Dr. Gourab Banerjee. Mit Hilfe von Versuchen und dem Vergleich detaillierter Laboranalysen von Wasserproben vom Fluss und vom aufbereiteten Wasser im Jahreslauf trugen sie zur Optimierung der Aufbereitung bei. Sie verglichen deren Qualitätsparameter, u.a. Sauerstoffgehalt, Trübung, Konzentration von Nitrat, Phosphat und siebzehn im Einzugsbereich häufig angewendeten Pestiziden, um die effizienteste Operation der Filteranlage zu bestimmen. Über das Jahr variiert die Wasserqualität des Flusses sehr, abhängig vor allem von den landwirtschaftlichen Aktivitäten auf den umliegenden Feldern und Monsunphänomenen, zu denen neben Überflutung auch die Verarbeitung von Jute im Fluss gehört. Obwohl teilweise sehr hohe Schadstoffwerte weit über den Trinkwassernormen im Flusswasser festgestellt wurden, konnte die Anlage all diese Stoffe das ganze Jahr über weit unter die Grenzwerte entfernen.

Eco-Club-Schulgruppen besuchen die Anlage und schauen sich das Aufbereitungsverfahren an.
Eco-Club-Schulgruppen besuchen die Anlage und schauen sich das Aufbereitungsverfahren an. © IH

Die Trinkwasseranlage in Chatra zeigt, dass es möglich ist, auch stark verschmutztes Oberflächenwasser durch ein natülich-biologisches Verfahren effektiv zu filtern und zu sauberem Trinkwasser aufzubereiten. Bei weltweit absinkenden Grundwasserspiegeln, hoher Wasserverschmutzung und Wasserverknappung sind dies wichtige Ergebnisse, die nicht nur für Indien, sondern auch für andere Länder bedeutsam werden.
Der Betrieb der Anlage ist seit Oktober 2023 in der Hand der Gemeinde Chatra unter Einbindung der lokalen Bevölkerung. Dennoch werden aktuell noch dringend Spenden benötigt, um die nächsten Schritte durchführen zu können: Schutz des Teiches vor Fluten durch erhöhte und durch Bepflanzung gefestigte Seitenwände, solar betriebener Entnahmefilter für die Vorreinigung und Befüllung des Teiches mit Flusswasser, Anschaffung einer Elektrorikscha zur Verteilung des Wassers in Kanistern, solange das Leitungsnetz nicht weiter ausgebaut werden kann, und als längerfristige Aufgabe Maßnahmen zur Verringerung des Eintrags an Verschmutzungen im Einzugsgebiet.

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